Aksess, für dein Lesen.
Bachelor Thesis Doku




Thesis Workshop
26.1. – 6.2.

Themenfindung & Inspiration
Am Anfang des Thesis-Workshops stand für mich die Frage, woran ich über ein ganzes Semester hinweg arbeiten möchte. Ich suchte nach einem Thema, das nützlich ist und gleichzeitig etwas mit mir selbst, meiner gestalterischen Haltung und meinen Interessen zu tun hat. Es sollte nicht nur schön aussehen, sondern funktionieren, eine konkrete Zielgruppe haben und genügend Tiefe bieten, um über längere Zeit weiterentwickelt werden zu können.

Ich dachte zunächst aus einem editorialen und typografischen Kontext heraus. Wichtig war mir ein Thema, das nicht zu trocken ist, aber trotzdem eine klare Richtung hat: etwas, das einschätzbar bleibt, sich aber Schritt für Schritt erweitern lässt. Ich wollte an etwas arbeiten, das mir Freude macht, mich aber auch zwingt, Neues zu lernen und das Gelernte mit Gestaltung verbinden lässt.

Frühe Überlegungen gingen in verschiedene Richtungen, doch es festigte sich schnell in einen Typografischen Bereich und in richtung Barrierefreiheit:
Braille neu denken, barrierefreie Signaletik oder Gestaltung als eine Art Übersetzungssystem. Gemeinsam hatten diese Ansätze den Wunsch, Gestaltung als Vermittlung zu begreifen, als etwas, das Zugang schafft, statt nur Information zu liefern.

Das erste konkretere Thema war „Typography Rethought“. Es knüpfte an mein Sommerprojekt an, in dem ich bereits an einer Schrift gearbeitet hatte, die möglichst gut lesbar sein sollte. Damals war die Idee noch, eine Schrift zu gestalten, die für möglichst viele Menschen funktioniert. Gegen Ende des Projekts merkte ich jedoch, dass dieser Anspruch seine Grenzen hat. Das System konnte bestimmte Leser*innen unterstützen, blieb aber trotzdem an einer bestimmten Gruppe orientiert. Es funktionierte für einzelne Bedingungen, zum Beispiel Unschärfe oder Kurzsichtigkeit, konnte andere Bedürfnisse aber nicht gleichermassen abholen.

Aus dieser Erkenntnis entstand die Verschiebung meines Themas: weg von der Idee einer universell lesbaren Schrift, hin zu der Frage, wie Typografie auf unterschiedliche Lesesituationen reagieren kann. Statt eine einzige Lösung für alle zu entwerfen, interessierte mich zunehmend ein variables System, das verschiedene Bedürfnisse ernst nimmt und anpassbar bleibt.     



Präsentation Thesis Workshop
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Thesis Workshop Mindmap  
Inspiration: Atkinson Hyperlegible (Braille Institute)
Inspiration: Atkinson Hyperlegible (Braille Institute)
Inspiration: Atkinson Hyperlegible (Braille Institute)
Inspiration: Bionic Reading, von Renato Casutt
Inspiration: Lexend, von Dr. Bonnie Shaver-Troup und Typedesigner Thomas Jockin
Topic Slam (02.02)
Topic Slam (02.02)
Topic Slam (02.02)
Topic Slam (02.02)
Topic Slam (02.02)
Topic Slam (02.02)


Literatur

  
Literatur Schriftgestaltung
Für die Recherche zur Schriftgestaltung habe ich primär folgende Literatur und Publikationen verwendet:

  1. Team ’77: Von der Helvetica – zur Haas Unica / De l’Helvetica à l’Haas Unica / From Helvetica to Haas Unica, erschienen in den Typografischen Monatsblättern, TM 4/1980. Die Publikation dokumentiert die Entwicklung der Haas Unica durch Team ’77, also André Gürtler, Christian Mengelt und Erich Gschwind. 
  2. Emil Ruder: Typographie. Ein Gestaltungslehrbuch / Typography. A Manual of Design, Niggli, 1967, 274 Seiten. Ruders Buch diente mir als typografische Grundlage zu Struktur, Raster, Lesbarkeit, Rhythmus und Proportion. 
  3. Hans Peter Willberg / Friedrich Forssman: Lesetypografie, Verlag Hermann Schmidt Mainz, 5. Auflage, 344 Seiten, ISBN 978-3-87439-800-8. Das Buch war vor allem für Fragen zu Lesbarkeit, Satz, Mikrotypografie und typografischem Handwerk relevant. 
  4. Jan Tschichold: Typographische Mitteilungen. Sonderheft elementare typographie, Oktoberheft 1925, Verlag des Bildungsverbandes der deutschen Buchdrucker, Berlin, 1925. Diese Publikation war wichtig für das Verständnis moderner typografischer Prinzipien, Reduktion, Klarheit und systematischer Gestaltung. 
  5. Stacey Swinehart Ganderson: WCAG for Designers. Accessibility Reference Manual, Adaptive Work, LLC, 2024, 188 Seiten. Dieses Manual half mir, digitale Barrierefreiheit und WCAG-Anforderungen aus gestalterischer Perspektive besser einzuordnen. 
  6. Ellen Lupton: Thinking with Type. A Critical Guide for Designers, Writers, Editors, and Students, 3rd Edition, Revised and Expanded, Chronicle Books, 2024, 256 Seiten, ISBN 9781797232515. Das Buch ergänzte meine Recherche zu Schrift, Layout, Hierarchie, Lesbarkeit, variablen Schriften und typografischen Systemen. 

Neben diesen konkreten Quellen habe ich viele Grundlagen nicht nur aus Büchern, sondern auch im Unterricht, durch praktische Übungen und durch das direkte Arbeiten in Glyphs 3 mitgenommen. Besonders wichtig war dabei das wiederholte Ausprobieren, Vergleichen und Überarbeiten von Zeichenformen, Abständen, Achsen und Lesesituationen. Auch weitere Lektüre, Gespräche, Tests und gestalterische Experimente flossen in den Prozess ein und bildeten zusammen die Grundlage für meine typografische Recherche.

Aksess Basis
Grundrecherche, Optiker*innen
Am Anfang der Schriftgestaltung stand eine Grundrecherche zu Seh- und Lesebarrieren. Ich wollte verstehen, welche typografischen Eingriffe tatsächlich sinnvoll sein können: Welche Zeichen werden verwechselt, welche Formen fallen zusammen, welche Abstände helfen und wann wird Schrift zu eng, zu geschlossen oder zu unruhig? Dafür beschäftigte ich mich mit Fachliteratur, Studien und bestehenden Schriften, die sich mit Lesbarkeit, Barrierefreiheit und digitalen Lesebedingungen auseinandersetzen.

Neben dieser Recherche suchte ich auch den Austausch mit Optiker*innen. Einige Gespräche entstanden sehr spontan, unter anderem in Frick, eher walk-in-mässig und ohne klar vorbereiteten Fragenkatalog. Sie waren interessant und bestätigten mir die Relevanz des Themas, halfen mir schriftgestalterisch aber nur begrenzt weiter. Viele Sehschwächen kannte ich durch meine Recherche bereits, und die optischen Geräte liessen sich kaum direkt in typografische Entscheidungen übersetzen.

Wertvoller war der Austausch mit Severine Schaub aus dem 4. Semester, die gelernte Augenoptikerin ist. Sie war während des Prozesses immer direkt zur Stelle, wenn ich eine Frage hatte, und brachte einen anderen Blick auf mein Thema ein. Gerade weil diese Gespräche offen und nicht stark vorbereitet waren, halfen sie mir, konkrete gestalterische Fragen aus einer fachlich anderen, aber unvoreingenommenen Perspektive zu reflektieren.


Foren & Lesesituationen
Ergänzend dazu wurden Erfahrungsberichte aus sozialen Foren, Instagram-Kommentaren und anderen digitalen Räumen wichtig. Dort zeigte sich, wie unterschiedlich Menschen Lesen erleben und wie stark Lesbarkeit von Alltagssituationen abhängt: von Licht, Kontrast, Bildschirmqualität, Müdigkeit, Gewöhnung und persönlicher Leseerfahrung. Dadurch wurde klar, dass Lesbarkeit nicht universell gelöst werden kann, sondern ein System braucht, das unterschiedliche Bedingungen ernst nimmt und Anpassung zulässt.


SchriftansätzeAtkinson Hyperlegible, Lexend, ZED
Parallel dazu konnte ich mich auf Erfahrungen und Erkenntnisse stützen, die ich bereits in der kulturgeschichtlichen Thesis gesammelt hatte. Dort recherchierte ich ausführlich zu bestehenden Schriften, die sich mit Lesbarkeit, Barrierefreiheit und digitalen Lesebedingungen auseinandersetzen. Besonders Atkinson Hyperlegible, Lexend und Typotheque ZED wurden für meine gestalterische Arbeit wichtige Referenzen, weil sie unterschiedliche Antworten auf ähnliche Fragen geben.

Mich interessierten dabei weniger ihre ästhetischen Eigenschaften als ihre typografischen Strategien: offene Formen, klare Zeichenunterscheidung, grössere Innenräume, Proportionen, Abstände und der Umgang mit ähnlichen Zeichen wie I, l, 1, O oder 0. Bei Atkinson Hyperlegible war vor allem die starke Differenzierung solcher kritischen Zeichen relevant. Lexend zeigte mir, wie stark Proportionen, Abstände und Lesefluss die Wahrnehmung einer Schrift beeinflussen können. ZED war besonders wichtig, weil die Schrift Lesbarkeit nicht als festen Zustand versteht, sondern als etwas, das sich an unterschiedliche Bedingungen anpassen lässt.

Diese Recherche half mir, die Gestaltung meiner eigenen Schrift nicht nur intuitiv zu entwickeln, sondern auf bereits untersuchten typografischen Ansätzen aufzubauen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass diese Schriften nicht einfach allgemein „besser lesbar“ sind, sondern jeweils bestimmte Probleme adressieren. Für Aksess bedeutete das, bestehende Lösungen nicht direkt zu übernehmen, sondern ihre Strategien zu verstehen, zu vergleichen und für mein eigenes Schriftsystem weiterzudenken. Auf dieser Basis konnte ich prüfen, welche Ansätze relevant sind, wo sie adaptiert werden können und an welchen Stellen neue Lösungen erprobt werden müssen.


Lexend/Bonnie Shaver-Troup
Im Zusammenhang mit Lexend suchte ich ausserdem den Kontakt zu Dr. Bonnie Shaver-Troup, der Initiatorin des Lexend-Projekts. Der Austausch begann vielversprechend, kam nach ersten Rückmeldungen jedoch nicht weiter zustande. Trotzdem war der Kontaktversuch für meinen Prozess relevant, weil Lexend eine wichtige Referenz blieb und mir half, mein eigenes System im Verhältnis zu bestehenden Ansätzen adaptiver und lesbarer Typografie einzuordnen.


Aksess Basisschrift
Diese Recherche bildete die Grundlage für die ersten gestalterischen Entscheidungen. Gleichzeitig begann ich nicht komplett bei null, sondern griff auf eine Schrift zurück, die ich bereits in einem früheren Sommerprojekt begonnen hatte. Diese Schrift war noch kein fertiges System, aber sie enthielt bereits viele Ansätze, die für mein Bachelorprojekt interessant waren: eine gewisse Robustheit, erste Überlegungen zu klareren Zeichenformen und einzelne Versuche, kritische Buchstaben stärker voneinander zu unterscheiden. Ich nahm diese Schrift als Ausgangspunkt, weil sie aus meiner eigenen Arbeit kam und ich dadurch nicht mit einer fremden Vorlage arbeiten musste. Gleichzeitig war mir schnell klar, dass ich sie nicht einfach übernehmen konnte. Sie musste grundsätzlich überarbeitet werden.


Schriftgestaltung auf Glyphs 3

Die Schriftgestaltung selbst entstand vollständig in Glyphs 3. Besonders wichtig war dabei, nicht nur einzelne Buchstaben isoliert zu betrachten, sondern ihre Wirkung im Zusammenspiel: in Wörtern, Zeilen, Textgrössen und unterschiedlichen digitalen Lesesituationen. Glyphs wurde dabei zum zentralen Arbeitsraum, in dem ich zeichnete, korrigierte, testete, exportierte und die variable Struktur der Schrift Schritt für Schritt aufbaute.


Zuerst versuchte ich, aus meiner Basis möglichst viel herauszuholen. Ich überprüfte die Proportionen, die Grundformen, die Strichstärken, die Innenräume, die Ober- und Unterlängen, die Rundungen und die allgemeine Wirkung im Text. 

Viele Entscheidungen, die im Sommerprojekt noch eher experimentell oder punktuell waren, mussten jetzt in ein zusammenhängendes System überführt werden. Manche Zeichen waren für sich interessant, funktionierten aber im Text nicht. Andere waren zu auffällig, zu didaktisch oder zu stark von einer bestimmten Idee geprägt. Deshalb begann ich, nachdem ich die schrift um generell überarbeitet hatte, vieles wieder zurückzunehmen.


Dieser Schritt war wichtig, weil ich zuerst eine Basisschrift brauchte, die als Schrift funktioniert, bevor sie als adaptives System funktionieren kann. Die Basis musste ruhig genug bleiben, um als Ausgangspunkt zu dienen. Sie sollte nicht bereits alle funktionalen Eingriffe auf einmal zeigen, sondern eine tragfähige Grundform bilden, aus der sich spätere Anpassungen entwickeln lassen. 
Aksess, Stand Sommerprojekt
Aksess Basis 2026

Aus dieser Überarbeitung entstand langsam die Frage nach dem System. Ich wusste relativ früh, dass sich das Projekt im digitalen Raum bewegen sollte. Die Schrift sollte nicht in erster Linie als klassische Druckschrift gedacht sein, sondern für digitale Lesekontexte: Webseiten, Interfaces, E-Reader, digitale Dokumente, E-Mails und andere Umgebungen, in denen Schrift technisch angepasst und verändert werden kann. Diese Entscheidung führte das Projekt weg von einer einzelnen statischen Schrift und hin zu einem variablen System.


Schriftsystem  

Lesbarkeit/Leserlichkeit
In der Entwicklung lag mein Fokus stärker auf Legibility als auf Readability. Entscheidend war für mich, wie klar einzelne Zeichen unterscheidbar bleiben und wie stabil Formen unter schwierigen Lesebedingungen funktionieren. Längere Lesetexte spielten zwar mit, hängen aber von vielen weiteren Faktoren wie Grösse, Zeilenabstand, Laufweite, Kontrast, Medium und Gewohnheit ab. Deshalb verstand ich Aksess zunehmend als variables System, das nicht nur Zeichenformen, sondern auch Abstände, Breite und Anwendung mitdenkt.


Browser Plugin
Ein früher Gedanke war ein Browser-Plugin. Ich stellte mir vor, dass Nutzer*innen Webseiten mit einer Schrift lesen könnten, die sie individuell anpassen. Die Idee war naheliegend, weil unterschiedliche Lesebedingungen auch unterschiedliche typografische Einstellungen brauchen.

Dieser Gedanke war wichtig, weil er die Personalisierbarkeit früh ins Zentrum stellte. Gleichzeitig zeigte sich später, dass ein funktionierendes Plugin technisch und gestalterisch zu umfangreich gewesen wäre. Bestehende Weblayouts, Schriftgrössen, Zeilenlängen und Abstände wären nur schwer kontrollierbar gewesen. Da Coding nicht Teil meiner Ausbildung war und ich für die Umsetzung stark auf KI-Hilfe angewiesen gewesen wäre, entschied ich mich gegen diesen Weg.


Personalisierbarkeit System 1
Trotzdem blieb die Grundidee der Personalisierbarkeit erhalten. Sie verschob sich nur in eine realistischere Form: Statt ein Plugin zu bauen, entwickelte sich die Idee einer Website, die die Schrift erklärt, erfahrbar macht und Nutzer*innen hilft, passende Einstellungen zu finden. Die Website wurde dadurch nicht nur Präsentationsfläche, sondern Teil des Projekts. Sie zeigt, was die Schrift kann, welche Achsen sie besitzt und wie man sich selbst durch das System bewegen kann.

Siehe Abschnitt Digitale Anwendung / Website.

Bevor dieses System klar wurde, probierte ich verschiedene Skalen, Raster und Achsenmodelle aus. Ein früher Stand bestand aus einer Unterscheidungsachse und einer Breitenachse.


Personalisierbarkeit System 2

Zu diesem frühen Stand gehörte auch ein Narrow-Schnitt. Anfangs dachte ich, dass eine schmalere Schrift bei peripherem Gesichtsfeldausfall helfen könnte, weil mehr Zeichen im Sichtfeld bleiben. Durch Recherche, Tests und Gespräche merkte ich jedoch, dass diese Annahme zu einfach war. Zu enge Formen können neue Probleme erzeugen, weil Innenräume kleiner werden und Buchstaben stärker zusammenfallen.

Aus diesem zweidimensionalen Modell entwickelte sich deshalb ein dreiachsiges System. Statt mehrere Anpassungen miteinander zu verknüpfen, trennte ich sie in drei kombinierbare Achsen: Distinction, Openness und Width. So konnten Zeichen stärker unterschieden, Formen geöffnet und Breiten angepasst werden, ohne dass diese Entscheidungen automatisch voneinander abhängig sind.


Diese Erkenntnis wurde durch frühe Tests gestützt. Ich testete immer wieder mit Personen aus meinem Umfeld und baute Rückmeldungen direkt in den Prozess ein. Besonders hilfreich waren Gespräche mit Personen mit konkreten Sehbedingungen, etwa grünem Star oder beginnendem peripherem Gesichtsfeldausfall. Sie zeigten mir, wo meine Annahmen zu theoretisch waren.
Ab diesem Punkt veränderte sich die Rolle der Recherche. Die wichtigsten Ansätze waren klar: Zeichen differenzieren, Formen öffnen, Breite kontrollieren und Abstände beachten. Die Schwierigkeit lag nun nicht mehr darin, neue Lösungen zu finden, sondern diese einfachen Eingriffe so umzusetzen, dass sie typografisch, technisch und im Lesen funktionieren.



Achse 1: Distinktion

Unterscheidungsachse
Die Distinction-Achse, also die Achse bei der ich vorallem wert gelegt habe auf Unterscheidung der einzelnen Buchstaben, entstand aus der Analyse kritischer Zeichen. Ich untersuchte Gruppen wie I, l, 1 und i, aber auch O, 0, Q, C und B, 8, b, d, p und q. Bei diesen Zeichen fragte ich mich, wie viel Unterschied nötig ist, damit sie stabiler erkannt werden, ohne dass die Schrift unruhig oder überzeichnet wirkt. Es ging nicht darum, jedes Zeichen maximal auffällig zu machen, sondern um gezielte Differenzierung. 

Je höher der Distinction-Wert, desto stärker entfernen sich kritische Zeichen voneinander.


Besonders wichtig war für mich die Frage, welche Vorteile kleine serifenartige Ansätze, Füsse, Fortsätze oder markantere Endungen haben können. Solche Eingriffe können helfen, Zeichen klarer voneinander zu trennen, Leserichtungen zu stabilisieren oder ähnliche Formen visuell eindeutiger zu machen. Gleichzeitig dürfen sie nicht beliebig eingesetzt werden, weil zu viele auffällige Details die Schrift unruhig machen und den Grauwert stören können. Ich testete deshalb, wo Fortsätze wirklich sinnvoll sind, etwa zur Unterscheidung von I, l und 1 oder bei Zeichen, die sich in ihrer Grundform stark ähneln. Es ging nicht darum, jedes Zeichen maximal auffällig zu gestalten, sondern darum, gezielte Differenzierung dort einzusetzen, wo sie beim Erkennen tatsächlich helfen kann.

Ein erster Eingriff ist der Fuss beim grossen G. Dadurch unterscheidet sich das G deutlicher von der Basisform und gleichzeitig stärker von runden Zeichen wie O und C. Gerade bei wenig Kontrast oder unscharfer Darstellung können diese Zeichen visuell näher zusammenrücken. Der Fuss gibt dem G eine klarere Richtung und macht es eindeutiger erkennbar.

Diesen Ansatz habe ich auch auf andere Zeichen übertragen. Beim a habe ich unten rechts einen kleinen Schwung beziehungsweise Fuss gestaltet. Dadurch bekommt das Zeichen mehr Eigenständigkeit und hebt sich stärker von anderen runden Formen ab. Mir war dabei wichtig, dass der Eingriff deutlich genug ist, aber nicht wie ein Fremdkörper wirkt. Das a soll als einzigartiges Zeichen lesbar werden und nicht nur über den Wortkontext funktionieren.

Ähnlich habe ich beim kleinen l gearbeitet. Um es klarer vom grossen I zu unterscheiden, bekommt es ebenfalls ein markanteres Ende. Auch die 1 erhält einen Boden. So entstehen innerhalb der Gruppe I / l / 1 klarere Unterschiede: Das grosse I bleibt anders aufgebaut, das kleine l bekommt eine eigene Endung, und die 1 wird durch ihren Boden stabiler und eindeutiger. 

Meine Recherche und Tests haben deutlich gezeigt, dass gerade in dieser gruppe sehr viele Probleme beim Lesen entstehen. Worte wie «Illinois», «initial» oder zusammengewürfelte Worte wie CAPTCHAs (i1llI0i1, ill1...)  waren grosse Stolperfallen.


Beim J habe ich einen horizontalen Strich ergänzt. Der Grund dafür war die Nähe zu Zeichen wie U und I, besonders wenn Formen reduziert oder bei schwierigen Lesebedingungen weniger klar erscheinen. Der horizontale Abschluss macht das J schneller erkennbar. Die gleiche Methode habe ich auch bei i und j angewendet, damit die beiden Zeichen nicht nur durch die Unterlänge oder den Punkt unterschieden werden, sondern auch durch ihre formale Struktur.

Beim Q habe ich mit einer kontrastreichen vertikalen Lösung gearbeitet. Dadurch wird das Zeichen stärker von anderen Rundformen wie O oder C getrennt. Gleichzeitig habe ich auch eine alternative, normalere Q-Version behalten, weil der Eingriff je nach Anwendung vielleicht zu präsent sein kann. So bleibt das System flexibler und muss nicht immer nur die stärkste Differenzierung zeigen.

Den gleichen Gedanken habe ich beim kleinen q weitergeführt. Auch hier ging es darum, das Zeichen stärker von anderen Buchstaben mit Unterlängen zu trennen. Gerade q, p, g oder teilweise j können bei flüchtigem Lesen oder schlechter Darstellung näher zusammenrücken. Durch eine klarere Form bekommt das q eine eigene Position im Zeichensystem.

Ein weiterer zentraler Entscheid war das doppelstöckige g. Ein einstöckiges g liegt formal sehr nah bei Zeichen wie q oder p, weil es stark über Kreisform und Unterlänge funktioniert. Das doppelstöckige g bringt eine deutlich andere Struktur ins System. Es ist komplexer, aber auch eigenständiger und dadurch weniger leicht mit anderen Zeichen zu verwechseln.

Lettern & Ziffern
Auch die Ziffern sollten innerhalb des Systems eigenständiger und klarer unterscheidbar werden. Zahlen werden oft stark an das Alphabet angepasst, können für die Lesbarkeit aber genauso kritisch sein. Deshalb testete ich offenere Formen und gezielte Unterschiede. Die 9 wurde nicht einfach als gedrehte 6 behandelt, sondern erhielt eine eigene diagonale Bewegung. Auch die 7 wurde klarer vom Z getrennt. So bleiben die Ziffern eigenständig, ohne aus dem Schriftbild herauszufallen.


Interpolation & Zwischenmaster
Um unangenehme Zwischenformen in der variablen Interpolation zu vermeiden, arbeitete ich nicht nur mit Anfangs- und Endpunkten, sondern auch mit Zwischenstufen. So konnte ich besser kontrollieren, wann bestimmte Anpassungen einsetzen und ob die Übergänge natürlich wirken. Gerade bei einer variablen Schrift sind diese Zwischenwerte wichtig, weil sie später aktiv genutzt werden können. Deshalb überprüfte ich immer wieder, ob die Achse nicht nur technisch interpoliert, sondern auch gestalterisch sinnvoll bleibt.




Achse 2:  Weite

Weite und Buchstabenbreite

Bei der Width-Achse merkte ich schnell, dass ich die Zeichen nicht einfach mechanisch breiter oder schmaler machen konnte. Jede Veränderung der Breite beeinflusst Rundungen, Innenräume, Anschlüsse, Stämme und Abstände. Deshalb musste ich die Zeichen in den verschiedenen Zuständen immer wieder optisch neu beurteilen und anpassen. Mir war wichtig, dass die Breite nicht wie ein nachträglicher Effekt wirkt, sondern wie ein eigenständiger, gestalteter Schnitt.


Viele Anpassungen waren klein, betrafen aber fast jedes Zeichen. Ich musste die Formen so korrigieren, dass sie nicht nur einzeln funktionieren, sondern auch sauber zwischen den Breiten interpolieren. Dabei ging es um ein neues optisches Gleichgewicht: Innenräume, Kurven und Gegenformen mussten stabil bleiben, damit der breite Schnitt nicht verzogen wirkt.

Dieser Prozess lässt sich nur begrenzt über einzelne Bilder zeigen. Viele Entscheidungen waren minimale optische Korrekturen: ein verschobener Anschluss, eine angepasste Kurve, ein veränderter Innenraum oder ein neuer Abstand. Als Einzelbild wirken diese Schritte oft kaum sichtbar. Ihre Wirkung zeigt sich erst im Zusammenhang: im Wortbild, im Grauwert, im Wechsel zwischen den Schnitten und in der Bewegung der variablen Achse.


Achse 3: Öffnungen

Wie offen darf eine Form sein?
Die Openness-Achse entstand aus der Frage, wie stark Buchstaben geöffnet werden müssen, damit sie unter schwierigen Lesebedingungen stabiler erkennbar bleiben. Während die Distinction-Achse vor allem die Unterscheidung einzelner kritischer Zeichen behandelt, geht es bei der Openness-Achse stärker um Innenräume, Öffnungen und das Verhältnis von Form zu Gegenform.


Für die Openness-Achse testete ich verschiedene Formen von c, e, a, s und weiteren Zeichen. Ich prüfte Öffnungen, Innenräume und Übergänge und fragte mich, wie weit eine Form geöffnet werden kann, bevor sie ihre Balance verliert. Dabei zeigte sich, dass Offenheit nicht automatisch mehr Klarheit bedeutet. Manche Eingriffe machten Zeichen zwar offener, aber auch unruhiger oder weniger passend im Schriftbild.

Die Achse wurde deshalb zu einer kontrollierten Suche nach funktionaler Offenheit. Kritische Innenräume werden geöffnet, Formen stärker getrennt und Zeichen stabiler lesbar gemacht, ohne den Charakter der Schrift zu verlieren. Besonders beim c wird das sichtbar: Entlang der Achse öffnet es sich stärker und unterscheidet sich dadurch klarer vom o.


Ähnlich ist es beim e. Ist die Form zu geschlossen, nähert sie sich bei kleiner Darstellung oder wenig Kontrast schnell dem o an. Durch eine offenere Gestaltung wird die innere Struktur klarer, sodass das Zeichen auch unter schwierigeren Bedingungen stabiler erkennbar bleibt.

Auch beim a wird die Öffnung wichtig. Entlang der Openness-Achse wird nicht nur die äussere Form angepasst, sondern auch der Innenraum bewusster geöffnet. Dadurch wirkt das Zeichen klarer und bleibt eigenständiger erkennbar, ohne nur über den Wortkontext gelesen zu werden.

Auch Zeichen wie n und h waren relevant. Wenn Innenräume eng werden und sich die Stammlängen zu stark annähern, verlieren sie an Differenzierung. Statt die Bögen weiter zu öffnen, was schnell unruhig wirken kann, wird beim h der Stamm verlängert. So unterscheiden sich n und h klarer, ohne dass das Schriftbild auseinanderfällt.

Später bezog ich auch Ober- und Unterlängen stärker ein. Openness bedeutete nicht nur geöffnete Punzen, sondern auch mehr vertikale Orientierung. Längere Unterlängen und klarere Oberlängen helfen, Wörter besser zu unterscheiden, ohne die Schrift fremd wirken zu lassen. Gerade im digitalen Raum kann diese zusätzliche Struktur die Lesbarkeit unterstützen.


Auch bei W und M prüfte ich, ob die Openness-Achse helfen kann. Beim M zeigte sich, dass etwas offenere Innenwinkel die diagonalen und vertikalen Bewegungen klarer trennen und dunkle Stellen im Zeichen reduzieren. Das M wird dadurch nicht einfach breiter, sondern besser gegliedert.

Beim W führte ein ähnlicher Eingriff jedoch eher zu mehr Komplexität als zu mehr Klarheit. Deshalb liess ich diese Anpassung bewusst weg. Durch das offenere M entstand bereits mehr Unterschied zum W, ohne das W zusätzlich verändern zu müssen.


Die Tests mit dem M zeigten mir, dass Offenheit nicht nur bei runden Zeichen relevant ist. Auch komplexe Grossbuchstaben können von mehr innerer Differenzierung profitieren. Die Openness-Achse beschreibt deshalb nicht nur Öffnungen, sondern allgemein, wie viel Raum ein Zeichen braucht, damit seine Struktur sichtbar bleibt.

Neben grösseren Eingriffen an c, e, a oder M wurden auch weitere Zeichen wie r und s leicht angepasst. Diese Korrekturen sollten weniger auffallen, sondern den Rhythmus der Schrift trotz veränderter Offenheit stabil halten.


Auch die Openness-Achse prüfte ich nicht nur an den Extrempunkten. Gerade die Zwischenwerte mussten funktionieren. Ich testete, wann eine Öffnung sichtbar genug ist, wann sie zu stark eingreift und ob die Übergänge natürlich wirken. So wurde die Achse nicht zu einem Effekt, sondern zu einem gestalteten Verlauf innerhalb des Schriftsystems.






Achse 4*: Laufweite, Kerning

Den richtigen Abstand finden
Ein weiteres Thema war das Spacing. Ich behandelte Laufweite nicht als gestalterischen Effekt, sondern als flexible Ebene, die in der Anwendung immer mitwirkt. Auch gut gestaltete Zeichen funktionieren nur, wenn die Abstände stimmen. Deshalb passte ich das Spacing dort an, wo es nötig war, achtete aber darauf, dass Aksess in verschiedenen Grössen, Medien und Layouts stabil bleibt.

Auch das Kerning war ein Thema, das ich immer wieder neu anschauen musste. Beim Spacing ging es um die grundsätzlichen Abstände, beim Kerning eher um die kleinen Stellen, die plötzlich nicht mehr stimmen. Gerade bei Aksess merkte ich schnell, dass eine Kombination nicht einfach einmal gelöst ist. Wenn sich Breite, Offenheit oder Differenzierung verändern, verschieben sich auch die optischen Beziehungen zwischen den Zeichen. Deshalb musste ich viele Kombinationen in verschiedenen Zuständen erneut prüfen und anpassen.

Kerning war für mich deshalb weniger ein sichtbarer Gestaltungsschritt, sondern eher Korrekturarbeit im Hintergrund. Ich prüfte kritische Buchstabenpaare, Zahlen, Satzzeichen und Kombinationen, die plötzlich zu eng wurden, auseinanderfielen oder unruhige Lücken erzeugten. Es ging nicht darum, jede mögliche Situation perfekt zu kontrollieren, sondern Aksess so stabil zu machen, dass die Schrift in unterschiedlichen digitalen Anwendungen funktioniert.

Weil Aksess in verschiedenen Einstellungen funktionieren soll, musste ich beim Kerning vorsichtig bleiben. Zu starke Korrekturen können in anderen Schnitten neue Probleme erzeugen. Ich verstand Kerning deshalb als Balance zwischen Präzision und Flexibilität: ruhig genug im Text, aber nicht abhängig von einer einzigen idealen Einstellung.
Das Spacing legte ich bei Aksess bewusst nicht als fest definierte Achse an. Die verschiedenen Schnitte folgen einem ähnlichen Abstandssystem: nicht zu eng, nicht zu weit, sondern stabil für unterschiedliche Anwendungen. Bei breiteren Zuständen passte ich die Abstände leicht an, damit die Formen weder zusammenfallen noch auseinanderdriften.

Anpassbarkeit erproben
Trotzdem bleibt Spacing ein wesentlicher Teil des Systems. Gerade digital lässt sich Laufweite fast überall verändern, deshalb verstand ich sie eher als flexible Anwendungsebene als als eigene Achse. Aksess bringt eine stabile Grundeinstellung mit, soll aber nicht festlegen, welcher Abstand für alle richtig ist.

Unterschiedliche Leser*innen brauchen unterschiedliche Abstände. Manche profitieren von mehr Laufweite, andere von kompakteren Wortbildern. Deshalb soll das Spacing im Gebrauch erprobt und angepasst werden können. Es ist kein fixer Wert, sondern ein offener Teil des Systems.


Besprechungen Schriftgestaltung
Gespräch mit Philipp Stamm
In einer Besprechung mit Philipp Stamm stellte ich ihm mein aktuelles Schriftsystem vor und erklärte die grundlegende Idee hinter den variablen Achsen. Ich zeigte den bisherigen Stand der Schrift, erste Anwendungen und die Richtung, in die sich das System weiterentwickeln sollte.

Im Gespräch ging es vor allem um Detailtypografie und um die Schrift selbst. Wir analysierten einzelne Zeichen, formale Entscheidungen, mögliche Schwachstellen und Stellen, an denen die Schrift noch präziser ausgearbeitet werden konnte. Neben der konkreten Besprechung des bestehenden Entwurfs entstanden auch neue Ideen für Ansätze, die ich im weiteren Prozess noch verfolgen konnte.

Der Austausch war sehr hilfreich, weil er mir einen geschärften Blick auf typografische Details gab. Viele der besprochenen Punkte konnte ich anschliessend direkt in die Weiterentwicklung der Schrift übernehmen und umsetzen.


Analoge Ausdrucke
Parallel dazu arbeitete ich auch viel mit Ausdrucken. Obwohl die Schrift primär für digitale Lesesituationen gedacht ist, half es mir, sie immer wieder aus dem Bildschirm herauszunehmen und analog zu betrachten. Durch Ausdrucke in verschiedenen Grössen konnte ich Abstände, Proportionen, Grauwerte und einzelne Zeichenformen anders beurteilen. Gerade weil man am Bildschirm schnell in Details hineinzoomt, bot mir der Ausdruck eine gewisse Distanz und damit einen neuen Blick auf das gesamte Schriftbild. Auch der Austausch mit Mitstudierenden war sehr wichtig, und ich konnte das Feedback immer wieder aufgreifen.



Verworfene Entwürfe

Aksess NEO
Zu einem frühen Zeitpunkt versuchte ich, Aksess in eine weichere, rundere und geometrischere Richtung zu entwickeln. Die Schrift sollte ruhiger und näher an klassischen Leseschriften wirken. Viele Zeichen wurden dafür stärker standardisiert, der Strichkontrast reduziert und die Formen gleichmässiger konstruiert. Auch das a wurde in dieser Version einstöckig, weil es besser in diese rundere Systematik passte.


Dabei entstand eine Schrift, die für sich genommen funktionierte: harmonisch, sauber und zugänglich. Gleichzeitig entfernte sie sich aber von der eigentlichen Idee von Aksess. Durch die Vereinheitlichung gingen viele Unterschiede verloren, die für die Differenzierung zentral waren. Die Schrift wurde ruhiger, bot dadurch aber weniger Möglichkeiten, auf unterschiedliche Lesebedingungen zu reagieren.


Ästhetik statt Entwicklung
Am Ende merkte ich, dass dieser Entwurf eher eine ästhetische Alternative war als eine funktionale Weiterentwicklung. Er wirkte schöner im klassischen Sinn, aber weniger präzise in Bezug auf Differenzierung und Anpassbarkeit. Deshalb kehrte ich zur ursprünglichen Logik von Aksess zurück: nicht möglichst neutral, sondern bewusst unterscheidbar, offen und variabel. Trotzdem war der Zwischenschritt wichtig, weil er mir die Grenze zwischen formaler Verbesserung undfunktionalem Verlust zeigte. Vielleicht wird daraus nach der Thesis noch eine eigene Schrift.